Linguistic Landscape

Eine mit Graffiti besprühte Scheibe eines leerstehenden Ladengeschäfts

Manchmal scheint die Wissenschaftslandschaft so undurchsichtig, wie eine mit Graffiti besprühte Ladenscheibe. Linguistic Landscape, was soll das sein?

Bewegen wir uns einmal mit offenen Augen (und Ohren) durch die Öffentlichkeit, statt wie so häufig unseren Blick in den Smartphone-Tunnel zu richten, wird eine vielfältige Sprachlandschaft offenbar: der Sticker an der Laterne, der auf eine ortsansässige Partyreihe aufmerksam macht, das neonfarbene Ladenschild, welches uns mit seinen blinkenden Buchstaben in die Räumlichkeiten lotsen möchte, der Spruch auf dem T-Shirt der Passantin, die gerade in die Bahn steigt oder der Straßenfahrplan in der selbigen.

In ihrer Alltäglichkeit ist die symbolische Wirkung der meisten sprachlichen Zeichen für uns unsichtbar. Jedoch wie die meisten unsichtbaren Strukturen, macht sie das nicht minder bedeutsam.

Die Wissenschaft

Ein Sprung nach Belgien, wo die Beobachtung der Linguistic Landscape ihre Anfänge hat. In Belgien ist man sprachlich zweigeteilt. Manch eine*r kennt ihn noch aus dem Geschichtsunterricht – den Sprachkonflikt zwischen Flandern und Wallonen. Während im Norden die Flandern flämisch sprechen, sind die Wallonen im Süden des Landes frankophon.

Mehrsprachiges Ortsschild in der besonders umstrittenen Gemeinde Voeren (Fourons), die niederländischen Bezeichnungen wurden übersprüht

Foto: Gerrit Holl, CC-BY-SA, via: Wikimedia

Die sprachlichen Gegebenheiten in Belgien wurden besonders von Rodrigues Landry und Richard Y. Bourhis ins Augenmerk genommen. Im Jahr 1997 untersuchten sie öffentliche Sprachlandschaften in Belgien und Kanada. Damit machten sie den Weg frei für ein neues Wissenschaftsgebiet in der Soziolinguistik.

In ihrer Studie zur Sprachlandschaft und ethnolinguistischen Vitalität definieren sie erstmals den Begriff der Linguistic Landscape. Sie beschreiben, dass die Sprache von öffentlichen Straßenschildern, Werbeflächen, Ortsbezeichnungen, Ladenfronten und öffentlichen Zeichen auf Regierungsgebäuden die Sprachlandschaft (Linguistic Landscape) eines gegebenen Territoriums, einer Region oder eines urbanen Ballungsraumes formen würde. Dabei bediene die Sprachlandschaft zwei unterschiedliche Funktionen. Einerseits sei ihre Funktion informativer Natur, andererseits habe sie zusätzlich eine symbolische Bedeutung.

Die Sprachlandschaft in ihrer informativen Funktion diene zunächst als Markierung eines Territoriums, in dem eine gewisse Sprache von einer gewissen Sprecher*innengruppe gesprochen würde. Außerdem würden Erwartungen gesetzt. Der italienische Name eines Restaurants bspw. würde gewisse Erwartungen konstruieren, dass die Angestellten in dem Restaurant Italienisch sprechen könnten. Somit ist die soziolinguistische Komposition der Sprachlandschaft ein spezifisches Indiz für die ethnische Zusammensetzung eines Gebietes.

Mit der symbolischen Funktion stehe die Sprachlandschaft für die An- bzw. Abwesenheit, die Stärke, Lebendigkeit oder Schwäche einer ethnischen Gruppe (stets im Vergleich zu anderen Gruppen). Ist eine Sprache stark präsent, so symbolisiert sie, über ihren informativen Wert hinaus, also die Vitalität ihrer Benutzer*innengruppe. Dem entgegen symbolisiere eine schwach präsente oder in der Verbreitung zurückgehende Sprache auch den Rück- oder Weggang der entsprechenden Nutzer*innengruppe. Oder ihre Ohnmacht, ihre Unfähigkeit, den öffentlichen Gebrauch der eigenen Sprache durchzusetzen. Dies könne, so Landry & Bourhis, sogar bis hin zu psychologischen Effekten auf den Willen oder inneren Anspruch der Sprecher*innengruppe gehen, ihre Sprache an die nächste Generation weiterzugeben.

Literatur:
Landry, R. and Bourhis R. Y. 1997. Linguistic landscape and ethnolinguistic vitality: An empirical study, Journal of Language and Social Psychology 16(1): 23–49.

Zeichentheorie

Über die Grundlagen der Zeichentheorie soll an dieser Stelle nicht allzu viel Wort vergossen werden. Stattdessen widmen wir uns noch einmal dem Zeichen als verortetes Symbol im Raum.

Im Jahr 2003 entwickelt das Ehepaar Scollon das Konzept der sog. Geosemiotik. Sie orientieren sich an der Studie Landrys und Bourhis — den beiden Kanadiern von eben — und beschäftigen sich insbesondere mit dem Diskurs im Raum. Dabei greifen sie auf die weit bekannte Zeichentheorie Charles Sanders Peirce zurück und erweitern diese, indem sie die These aufstellen, jedes im Raum platzierte Zeichen (egal ob Symbol, Ikon, oder Index) sei gleichzeitig immer auch ein Index — also Anzeichen — für einen Diskurs im Raum. Sie fassen im Zuge drei Prinzipien der Geosemiotik zusammen.

  1. Das Prinzip der Indexikalität. Alle Zeichen erhalten einen entscheidenden Teil ihrer Bedeutung dadurch, auf welche Weise sie platziert wurden.
  2. Das Prinzip der Dialogizität. Alle Zeichen stehen in einem Zusammenhang. Jedes Zeichen verweise zwar auf den Diskurs der zu seiner Entstehung geführt habe, aber sei ein Zeichen einmal platziert trete es in Interaktion bzw. Dialog mit den ihm umgebenden Zeichen.
  3. Das Prinzip der Selektion. In jeder Aktion könne der*die Akteur*in sich aufgrund seiner*ihrer beschränkten Aufmerksamkeit sich nur auf eine gewisse Auswahl an Zeichen beziehen. Für jede Person liege die Aufmerksamkeit wegen des unterschiedlichen Hintegrundes auf unterschiedlichen Zeichen(kombinationen) mit verschiedenen Bedeutungspotentialen.

In ihrem Standardwerk betonen Durk Gorter und Elana Shohamy die Interdisziplinarität der Linguistic Landscape Forschung. Forscher*innen aus den verschiedensten Bereichen würden von dem Feld mit diversen Fragestellungen angezogen:
Bspw. welche Rolle die Linguistic Landscape im policy-making spiele? (siehe Belgien) Was die Menschen motiviere Sprache öffentlich darzustellen? Oder wie sich gesprochene Sprache und repräsentierte Sprache unterscheiden?

Literatur:
Scollon, Ron & Scollon, Suzanne Wong 2003. Discourses in Place: Language in the Material World, London: Routledge.
Gorter, Durk & Shohamy, Elana 2008. Linguistic Landscape. Expending the Scenery. Taylor & Francis Ltd.

Lokaler Diskurs

Inwiefern sich Sprache als verortetes Symbol in der Öffentlichkeit lesen lassen kann, zeigte sich ganz offensichtlich im Frühsommer 2019 am Steintor-Campus der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg.

Es ist Juli, als ich auf dem Weg zu einem Seminar über den Steintor-Campus schlendere. An einer Betonwand steht „iussanguinis!“ geschrieben, in schwarz und rot. Ich habe keine Ahnung was das bedeutet und gehe weiter, bis ich wieder auf den selben Schriftzug treffe. Mit dem Weltwissen in der Tasche, zücke ich schnell mein Smartphone und google den Begriff. Laut Wikipedia bedeutet der Begriff Blutrecht und ist ein Teil des Prinzips nach dem die BRD ihre Staatsbürgerschaft verteilt. Es ist ziemlich offensichtlich, von wem das Graffiti stammen könnte. Denn seit etwa zwei Jahren hat sich in einem am Steintor-Campus gelegenen Haus die vom Verfassungsschutz beobachtete rechtsextreme völkisch-nationalistische Gruppierung „IB“ niedergelassen. Somit bekommt der Begriff eine rassistische Konnotation.

Die rechte Parole iussanguinis wurde übersprüht. Nebendran steht in Großbuchstaben NICE TO BEAT YOU

Einige Tage später bin ich erneut am Steintor. Das Graffiti wurde mittlerweile schwarz übersprüht. Nebendran steht „NICE TO BEAT YOU“. Auch hier ist ein Schluss auf die Akteur*innen naheliegend. Aus Protest gegen das sogenannte Hausprojekt der völkischen Gruppierung hatte sich ein antifaschistisches Bündnis unter dem selbigen Namen zusammengeschlossen.

Wieder einige Tage später ließ sich beobachten, wie Mitarbeiter einer auf Graffiti-Entfernung spezialisierten Firma den Schriftzug entfernten.
Tags drauf hing an einer Stelle, an dem die Graffitis wenige Tage zuvor noch prangerten ein Plakat, welches zu einer Veranstaltung ins Reil 78, einem links-altvernativen Treffpunkt, einlud.

Beton Mauer mit nassem Fleck, das Graffiti ist entfernt

Einige Tage vor der Demo war der Campus erneut von "iussanguinis!" Schriftzügen überzogen(MZ Halle, Du bist Halle). Die Mitteldeutsche Zeitung und das Portal Du bist Halle berichteten. Am Tag der Demo war von den Schriftzügen nichts mehr zu sehen. Stattdessen waren Piktogramme in der Stadt verteilt, die eine Pacman-Figur zeigten, die das Logo der IB fraß.

Der geplante Demonstrationszug der rechtsextremen Zusammenkunft scheiterte schließlich am Widerstand der Zivilbevölkerung. Wie insgesamt die rechtsextreme sog. Identitäre Bewegung später noch scheitern sollte (Radio Corax mit einer Einordnung) .

Aus Sicht der Linguistic Landscape Forschung ist der Diskurs am Steintor aus vielerlei Hinsicht interessant. Beispielsweise in der Aufdröselung der mutmaßlichen Akteure: einer rechtsextremen Gruppierung, einer antifaschischtischen Gruppierung und der Universität als Eigentümerin.

Die rechtsextreme Gruppierung greift in die linguistische Landschaft ein, indem sie versucht sich den Campus der Universität anzueignen, mit Parolen. Der Diskurs, der den transgeressiven Zeichen vorraus geht, und mutmaßlich dazu führt, dass die Akteur*innen sich den Campus am Steintor als zeichentragendes Element aussuchen, ist die Ankündigung des "Identitären Sommerfests" sowie der Reaktion seitens der Stadt, eine Gegenveranstaltung am Campus durchzuführen. Gleichzeitig verweist die Botschaft darauf, dass die rechtsextreme Bewegung mit der lateinischen Parole auch an einen identitätsstiftenden Diskurs anknüpfen möchte, was den informativen Wert des Zeichen bestimmen würde. So wird versucht an eine Zeit zu der Latein die Sprache der Wissenschaft war anzuknüpfen. Trotzdem dürfte es sich hier um keine ernstzunehmende Referenz halten, viel mehr ist der Aspekt der gewollten Markierung eines Territoriums hervorzuheben. Bezieht man sich auf die symbolische Funktion linguistischer Landschaften nach Landry & Bourhis, so kann das lateinische Zeichen als Versuch gedeutet werden, das Lateinische aus der Ohnmacht der Abwesenheit im öffentlichen Diskurs hinaus zu tragen und zu neuer Vitalität zu verhelfen.

Die antifaschistische Gruppierung antwortet mit der Negierung der Botschaft, indem sie diese durchstreicht. Damit negiert der Beitrag auch den territorialen Anspruch der vorhergehenden Zeichenurheberin. Gleichzeitig verweist der englischsprachige Ausdruck “NICE TO BEAT YOU” auf das zuvor erwähnte Bündnis, welches zu Demonstrationen mobilisiert. Ebenso ist die Englischsprachigkeit in der informellen Natur des Graffito als Verweis auf die lingua franca Europas und Symbol für Internationalität und somit Gegenentwurf zum Nationalismus der übersprayten Parole zu lesen. In seiner symbolischen Funktion verweist das Zeichen auch auf die im Vergleich zum Lateinischen wesentlich vitalere Sprecher*innengruppe des Englischen.

Die Stadt als Akteurin wirkt in der Außenwirkung unglücklich. So scheint sie auf das erneute Auftauchen der Zeichen mit einem Rückzug auf den Martkplatz zu reagieren. Die Kulisse der rechten Parolen schien ein zu hohes Risiko, auch wenn sie ihre Entscheidung öffentlich mit "Sicherheitsbedenken" zu erklären versuchte.

Die Universität als Nutzerin des Steintorcampus ist Leinwand und damit Leidtragende zugleich. Der Campus wurde bewusst offen gestaltet, um in die Bevölkerung hinein zu wirken. Graffiti sind lange Zeit am Steintor nicht geduldet. Regelmäßig wird eine Reinigungsfirma zur Entfernung beauftragt. Doch noch nie war die Belastung durch die transgressiven Zeichen so hoch wie im Sommer 2019. Sie möchte keine Fläche bieten für rechte Parolen. Es geht also auch um Macht, wenn die Universität sich intensiv für eine Entfernung der Graffiti einsetzt. Im folgenden Abschnitt findet sich ein Interview mit dem zuständigen Gebäudemanager für den Campus am Steintor.

* Die Analyse des oben beobachteten Diskurs beruht leidglich auf Mutmaßungen. Das von der Universität initiierte Verfahren gegen Unbekannt wurde "wegen Nicht-Ermittlung der Personen [...] aus Mangel an Beweisen" eingestellt. Häufig ist es schwierig Zeichen der linguistischen Landschaft spezifischen Akteuren zweifelsfrei zuordnen zu können.

Interview

Zu Besuch bei Roland Östreich, dem zuständingen Gebäudemanager für den Steintorcampus, spürt man das Unverständnis und die Wut. Mehr oder weniger alleine steht er gegenüber den mit Graffiti besprühten Wänden.

Welche Haltung hat die Universität am Steintor-Campus zu Graffiti?

Ich muss sagen, das ist ein schwieriges Thema. Weil, gewünscht ist es vom Eigentümer bzw. Nutzer nicht, das ist klar. Aber vermeiden werden wir das wahrscheinlich auch nicht können. Zumindest habe ich das — ich bin ja jetzt 5 Jahre auf dem Steintor-Campus — nicht hinbekommen. Das einzige was ich mache: ich mache einen Auftrag fertig für eine Reinigungsfirma. Die kommen dann hier her und schicken uns ein Angebot. Dann bezahlen wir schön fleißig, ich lass ich es absprühen und zwei Wochen später ist es wieder da.

Das ist natürlich ärgerlich.

Ja. Ganz schlimm war es letztes Jahr mit der sogenannten Identitären Bewegung. Heute werden die ja vom Bundesverfassungssschutz als rechtsextrem eingestuft. Letztes Jahr sollte hier ja ein Sommerfest von der Stadt stattfinden, in Zusammenarbeit mit der Universität. Wir haben uns natürlich riesig gefreut den Campus für das Sommerfest zur Verfügung zu stellen. Und was machen die Leute von der rechten Szene? Sie fangen an irgendwelche Sprüche ranzusprühen: Blutrecht. Was weiß ich was das sein soll, irgend so ein Lateinscheiß. Dann habe ich es wegmachen lassen. Ein Tag später war es wieder da, über Nacht. Ich weiß nicht wie sie das geschafft haben. Wir haben ein Wachschutz hier. Begeisterung schreie ich da nicht gerade aus.
Dann kam die Stadt, der Kanzler, der wollte vor dem Sommerfest natürlich ein schönes, sauberes Bild haben. Ich hab ihm gleich gesagt: „Wenn sie das wegsprühen lassen, dauert es keine zwei Tage, dann ist es wieder da. Die Rechtsextremen haben sich dann wieder schöne Flecken gesucht und rot bepinselt.

Das Sommerfest hat ja schließlich gar nicht am Campus stattgefunden.

Das war das Dumme, worüber wir uns alle ein bisschen geärgert haben. Ein Tag vor dem Sommerfest-Beginn, die große Bühne war schon aufgebaut, mit der Stadtverwaltung alles abgeklärt, kriegen wir mittags um halb Eins einen Anruf vom Oberbürgermeister, der uns die Absage erteilt, weil die drüben Sommerstraßenfest machen würden. Aus Sicherheitsgründen würde das Fest auf den Markt verlegt. Die Uni war natürlich pappensatt. Logisch, das hat uns natürlich nicht gerade erfreut. Das Dumme war, dass es keine Absprache gab. Herrlich. Die waren weg und am nächsten Tag komme ich in der Frühe hier hin. Da steht hier eine Hundertschaft von Polizisten mit Hunden. Das ganze Viertel war hermetisch abgeriegelt.

Die Gegendemonstrant*innen haben sich nicht verlegen lassen.

Die Demo war da. Die haben denen keinen Platz gelassen. Da muss ich sagen, da bin ich echt begeistert von den jungen Leuten, dass die sich sich stark gemacht haben. Seit dem ist es aus dem Haus auch ruhig. Ich hab da keinen Knatsch. Entweder arbeiten die im Hintergrund oder sonst was. Auf jeden fall war dann mit den Graffiti Schluss.
Ich weiß auch nicht warum die das machen. Es gibt dafür keine Erklärung. Die Universität steht halt in einem schlechten Licht dar. Was heißt schlechtes Licht? Wir haben einfach keine Machthabe. Außer Anzeigen zu erstatten können wir nichts machen. Außer den Graffiti-Dienst bestellen, der die Reinigung für uns vornimmt und mit hohen Kosten verbunden ist, die die Universität tragen muss. Es ist schon ein Leid, aber so einfach lassen wir uns das nicht gefallen. Wir müssen was tun.

Wie kann man sich die Kosten denn vorstellen?

Die Verwaltungskoten sind gewaltig hoch. Wenn ich das Haus frei machen lasse mit ner Reinigung und wieder Farbe drauf, da reicht ein Tausender nicht aus. Lassen Sie mich nicht lügen. Ich hab das letztens wegmachen lassen, die waren vier oder fünf mal da. Zum Sommerfest, damit sie die Schrift wegmachen lassen. Paar Tausend Euro kommen da zusammen. Fünfe, sechse sind das schon. Und das muss ja irgendwo her kommen. Wer zahlt das?
Wir haben mal bei der Polizei Anzeigen erstattet. Mittlerweile liegen von mir vier oder fünf Anzeigen bei der Kripo. Jetzt kriegte ich einen Anruf aus der Bibliothek, da ist ein Brief aus der Staatsanwaltschaft angekommen, dass wegen Nicht-Ermittlung der Personen das Verfahren aus Mangeln an Beweisen eingestellt wurde. Was soll ich jetzt damit anfangen? Ich mache keine Anzeigen mehr. Es bringt nichts. Wenn sie niemanden inflagranti erwischen, dann haben sie schlechte Karten. Das ist bei der Verschmutzung, beim Vandalismus genau das selbe. Noch dazu muss ich sagen, dass der Rechtsstaat uns so eingeschränkt hat, dass ich keine Machthabe mehr habe. Kann doch jeder machen was er will. Obwohl ich das Hausrecht vertreten dürfte. Wenn ich jemanden auffordern würde, entweder kommen einem die Leute dumm oder es gibt irgendwelche Meinungsverschiedenheiten untereinander. Also ich hab schon schönere Zeiten erlebt.

Und was macht das mit Ihnen?

Wenn ich das so sehe frage ich mich, was in den Köpfen los ist. Wie die Leute hier mit dem öffentlichen Eigentum so umgehen, so achtlos. Ich muss da mal so wirklich deutlich sagen.
Wenn sie wenigstens mal ein hübsches Bild malen würden, wo man sagen würde: „Wow, das sieht aber schick aus.“ Ich verurteile Graffiti ja nicht von vornherein. Aber es sollte ein Sinn haben.
Ich komm aus der Südstadt, Richtung Vogelweide. Der alte Zustand von der Edeka-Kaufhalle, bevor sie die neu gebaut haben, da haben sie ein wunderschönes Bild drauf gemalt. Das hat mir sehr gut gefallen.

Ist das eine Option für die Universität?

Ich hatte mit dem Kanzler schonmal darüber gesprochen, wie wir Gegenmaßnahmen ergreifen. Ich hatte junge Leute da, die sich mit Graffiti auskennen. Die sagten, wir machen vernünftige Bilder dran, irgendwas von der Universität, was schönes. Dann haben die so einen gewissen Schutz, weil da darf dann niemand drauf schreiben. Das hat sich verlaufen. Wenn Sie sich das Trafo-Häuschen anschauen, das haben Sie wahrscheinlich schon gesehen. Ich hab gesagt, du reagierst mal nicht. Du lässt es. Ich hab das mal zwei Wochen ruhen lassen. Da sind ein zwei Krakeleien dazu gekommen, dann war Ruhe. Dann sind die Bänke dran. Es ist nicht schön, aber wie soll die Universität sich verhalten. Soll sie sagen ich stell ein Wachposten, der da die ganze Nacht rumsteht, und schaut ob er jemanden von den Leuten erwischen kann.

gekürzt und bearbeitet

Exkurs: Anwendungen

Um sein Auge für Diskurse in der Linguistic Landscape zu schulen, gibt es viele Möglichkeiten.

Pokemon Go für Zeichen

Mockup der im Smartphone geöffneten App Lingscape

Eine davon haben zwei Luxemburger entwickelt. Dr. Christoph Purschke ist selber Sprachwissenschaftler. Zusammen mit dem Schweizer Softwareentwickler Daniel Wanitsch erdachte er die App Lingscape. Die App lässt sich wie ein Pokemon Go für Linguisten vorstellen. Die Nutzer*innen fotografieren sprachliche Zeichen im öffentlichen Raum und vertaggen diese auf einer Karte. So entsteht eine durchsuchbare Sammlung sprachlicher Zeichen, die für weitere Analysen genutzt werden kann. Beispielsweise ließe sich untersuchen, welche Sprachen in welchen Gegenden dominieren. Vielleicht magst du ja mal die App herunterladen und ausprobieren.

Hintergrund: Für Analysen von linguistischen Landschaften sind eine Vielzahl von Daten notwendig. Die meisten Wissenschaftler*innen nehmen in einem zuvor festgelegten Gebiet Fotos von sprachlichen Repräsentation in der Linguistic Landscape auf. Die App Lingscape ist als ein Tool für ambitionierte Sprachwissenschaftler*innen zu betrachten, mit dem sich Daten für eigene Forschungen erheben lassen. Bei aktiviertem GPS-Sensor werden die Fotografien nicht nur zeitlich sondern auch geographisch verortet. Zusätzlich lassen sie sich entsprechend des eigenen Forschungsinteresses für weitere Analysen verschlagworten. In der Form als App bietet Lingscape die Möglichkeit zur Kooperation mit anderen Forscher*innen.

Reverse Engineering

Eine andere Methode wie man die Sprachlandschaft in einem bestimmten Kontext untersuchen kann zeigte der Bayrische Rundfunk.

Auch hier setzte das Datenteam des BR zur Landtagswahl auf Unterstützung durch die Bevölkerung. Die Crowd konnte über eine Website Fotos von Wahlplakaten einreichen. Durch eine Verknüpfung mit Meta-Daten, wie z.B. dem Wahlkreis, entstand so eine Analyse darüber, wie die Parteien zur Landtagswahl plakatierten [Der Link ist aktuell leider nicht mehr verfügbar. Daher hier der Link zur archivierten Seite].

Hintergrund: Der Bayrische Rundfunk hat mit seiner Analyse der Plakatierung zur Landtagswahl nicht auf eigene Daten gesetzt. Stattdessen erprobte die Daten-Redaktion einen sogenanntem Citizen Science Ansatz. Bei diesem offenen Wissenschaftsansatz tragen Laien aus der Bevölkerung zur Datenbasis bei. Für das oben besprochene Datenprojekt kamen so 3.000 Einsendungen (Fotos mit Standort des Plakats) von 1.000 unterschiedlichen Motiven zusammen. Problem bleibt trotzdem die Repräsentativität. So lässt sich dieser Ansatz vor allem zur Exploration und Theoriebildung heranziehen. Der BR schreibt „Parteien und Kandidaten nehmen immer wieder aufeinander Bezug und arbeiten sich aneinander ab.“. Diese Bezugnahmen waren nicht Kern der Analyse, bieten jedoch Anhaltspunkte für weitere eigene Forschungen.

Metropolregion Ruhr

Im Rahmen des Projekts „Metropolenzeichen“ werden dagegen die Linguistic Landscapes der Städte Dortmund, Duisburg, Essen und Bochum untersucht, wobei der Fokus jeweils auf migrationsbedingter Mehrsprachigkeit liegt.

Hintergrund: Insbesondere in urban dicht besiedelten Gebieten, ist auch die Anzahl an Zeichen in der Linguistic Landscape tendenziell größer. Im Rahmen des oben bezeichneten Forschungsvorhaben wurden auf Basis einer ausführlichen theoretischen Vorleistung die Linguistic Landscapes systematisch gesammelt, sotiert und ausgewertet. Im Rahmen eines interdisziplinären Mehrmethodenansatzes, wurde die Linguistic Landscape Forschung als quantitative Analysemethode genutzt, um darauf aufbauend qualitative Tiefenanalysen zu spachlichen Besonderheiten und Einzelphänomenen durchzuführen. Untersucht wurde unter anderem, wie sich die multi-ethnische Vielfalt der einzelnen Stadtteile und deren Funktionsräumen in der Vielfalt und Verortung visueller Mehrsprachigkeit widerspiegelt. Geschaut wurde, welche Sprachen sichtbar sind, wo und warum?.

Wirksam werden

Wir haben gelernt, dass wenn wir mal den Kopf vom Smartphone heben, wir umgeben sind von einer enormen sprachlichen Landschaft. Sie kann uns aus vielen Gründen ge- oder missfallen: aus ästhetischen, aus politischen, aus materiellen, etc. Doch sie ist da und sie ist ständig im Wandel.

Wir sind dem Wirrwarr an Zeichen jedoch nicht ausgeliefert. Es gibt mannigfaltige Möglichkeiten mit der Sprachlandschaft umzugehen. Wir können wachsam unser Auge aufreißen und beobachten, wir können Aussagen so nicht hinnehmen und uns wehren, wir können mitreden.

Klein anfangen

Der niederschwelligste Einstieg, um in dem Raum der linguistischen Landschaften mitzuspielen, ist bei sich selbst. Schreibe eine Botschaft auf deine Haut und trage deine Kleidung so, dass man die Zeichen sehen kann. Bist du etwas mutiger und möchtest etwas langlebigeres hinterlassen, so nehme ein Messer und suche dir einen Baum, in dessen Rinde du deine Botschaft ritzen kannst. Damit du rechtlich auf der sicheren Seite bist, solltest du vorher den Eigentümer des Baums um Erlaubnis fragen, oder er sollte auf deinem Privatrundstück stehen.

Mutiger werden

Illustration eines Paketaufklebers

Jetzt wird es eine Schippe aufregender. Hast du die ersten Übungen im Einwirken auf den sprachlichen Raum deiner Umgebung hinter dir, so kannst du nun etwas neues ausprobieren. Gehe in eine Post-Filiale und nehme dir einen Paketaufkleber aus dem Ständer. Zuhause kannst du den Sticker nun gestalten wie du möchtest. Inspiration gefällig? Das Aufkleben ist nur auf deinem Eigentum rechtlich erlaubt.

Die Grenze der Legalität

Viele Zeichen in der lingusitischen Landschaft sind trangressiv. Das heißt, sie wurden widerrechtlich angebracht und können theoretisch strafrechtlich verfolgt werden. Ob du die Grenze der Legalität überschreiten möchtest, das ist deinem Gewissen überlassen. Edding und Sprühdose findest du im Laden deines Vertrauens. Irmelah Mensah-Schramm erlangte bspw. Bekanntheit dadurch, dass sie regelmäßig Naziparolen übersprühte. Auch wenn sie am Ende dafür zu einer Geldstrafe verurteilt wurde. Manch einer Person genügt es auch einfach nur den Wandel der lingusitischen Landschaft zu beobachten.

Credits

Das vorliegende Projekt Linguistic Landscape ist entstanden im Winter 2019 als Abschlussprojekt für den Studiengang Berufsorientierte Linguistik im interkulturellen Kontext an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg.

Inhalt und Gestaltung: Sören Engels
Betreuung: Sabine Grünig

Bei Fragen oder Anregungen schreib mir doch einfach eine E-Mail an linguistic-landscape@soerenengels.de.

Impressum

Angaben gemäß § 5 TMG
Verantwortlich für den Inhalt nach § 55 Abs. 2 RStV:

Sören Engels
Humboldtstraße 42
06114 Halle

Datenschutz

Der Hostinganbieter der vorliegenden Website erhebt Logfiles die für einen kurzen Zeitraum gespeichert werden. Sie sind eine typische Sicherheitsmaßnahme und umfassen Name der abgerufenen Webseite, Datei, Datum und Uhrzeit des Abrufs, übertragene Datenmenge, Meldung über erfolgreichen Abruf, Browsertyp nebst Version, das Betriebssystem des Nutzers, Referrer URL (die zuvor besuchte Seite), IP-Adresse und der anfragende Provider.
Hier findest du die ausführliche Datenschutzerklärung.